"POOL-POSITION“ 2013


„in flagranti: work in process“ in der ehemaligen Sauna im Hallenbad Löhrtor, Siegen


in flagranti

(…) Andrea Freiberg entwirft für uns ein Bild, besser: Bilder für fast höhlenartige, kleinteilige, manchmal auch zerrissene Räume und eine begrenzte Weite. Räume, Höhlen und Weite sind bevölkert von Dingen, die wir kennen und doch nicht kennen. Es sind Dinge, die von ihren Besitzern nicht mehr gebraucht werden, die aber einst eine Funktion hatten, die am Alltag beteiligt waren, die als schön oder sinnvoll empfunden wurden. Es sind praktische und dekorative Dinge, wie Lampen, Teller oder Schüsseln, wie Rohre oder Glühbirnen; Vasen, Aschenbecher, Wasserpfeifen ... Andrea Freiberg verbindet sie zu neuen Plastiken, in denen immer mehrere Gegenstände zu einem meist irgendwie anthropo- oder zoomorphen Wesen zusammengefügt werden. Verworfenem wird so ein neuer Kontext zugewiesen und eine neue Funktion, die in der Auseinandersetzung mit den anderen Figuren entsteht, und mit dem Raum, den sie bespielen. (…)
Andrea Freiberg präsentiert uns ein „Labor gesellschaftlicher Wirklichkeiten“, spielt mit unseren Erwartungen und Erinnerungen. Sie hebt ab, in alter aufklärerischer Tradition, auf die Diskrepanz zwischen Schein und Sein, wenn sie uns goldglänzenden Tand zeigt, der eben kein Gold ist, sondern nur mit dem Goldlook lockt. Den Menschen in Platons Höhlengleichnis gleich, zeigt sie uns mit den umfunktionierten Gegenständen den Schatten unserer Welt. Ihre Eindeutigkeit: ein Sieb ist ein Sieb ist ein Sieb, hebt sie auf, indem sie den funktionalen Charakter der Gegenstände aufbricht und neuer Interpretation zuführt.
(…) Durch das Bekleben mit aus Zeitungen ausgerissenen Fotos erhalten die Müll-Figuren ein einheitliches Erscheinungsbild: Andrea Freiberg sortiert die Bilder nach farblichen, manchmal auch zusätzlich nach thematischen Aspekten und bringt sie in einer Art indirekter Malerei auf die Figuren auf. Es ist erstaunlich, wie sehr sich Zeitungsfotos in ihrem farblichen Duktus und in der Aufmachung gleichen. Da sind die grünlichen Bilder, die satten Rottöne, die Verhaltenen oder edlen Schwarz-weißen, die kühlen Blauen, da sind die Bilder von Massen, egal ob von Demos, von Massenläufen oder von Zuschauern. Da sind die Fotos, die eine Stargeste zeigen, eine Sprechgeste, eine Geste der Entschlossenheit, der Empörung,….
(…) Die Bilder, seit dem Aufkommen der Fotografie scheinbar Garanten unverfälschten Aussagen, eindeutiger Authentizität und direkter Stimmung, sprechen in Andrea Freibergs Verwendung eine andere Sprache. Sie werden, wie auch die Texte, verwechsel- und austauschbar. Von der Neuigkeit bleibt nichts mehr, wenn alle Sieger sportlicher Ereignisse gleich aussehen, wenn existentielle Botschaften wie „Nach der Kündigung Hartz IV“ oder „Das jüngste Opfer war erst 15“ oder „Neue Schulden“ durch die Mosaik- oder Puzzletechnik ihre Kraft verlieren. Sie sind ein Teil eines Nachrichtenhaufens, geraten in den Sog der anderen Neuigkeiten, verlieren sich im Irgendwo.
Der Inhalt ist reduziert auf seine ästhetische Aufmachung, wie bei überdesignten Dingen oder auch Botschaften, bei der die Aufmachung vom problematischen Inhalt ablenken will. Der Inhalt wird dadurch austauschbar, verliert an Wirkung. Die Fülle an Infos erschlägt uns, so, wie uns auch die Fülle an Gegenständen des Alltags erschlagen kann. Dagegen treten Andrea Freibergs Figuren an, kommen aus ihren Höhlen, anders als bei Platon, und ordnen diese überwältigende Multitude an dinglicher und medialer Welt für uns. Sie sind neu sortiert, neu geordnet, in einen anderen Kontext gestellt, der vielleicht auch nur rein ästhetisch ist. Gerade deshalb sind wir aufgefordert, dieses Neue auf seine Glaubwürdigkeit zu überprüfen. Sozusagen „in flagranti“ (…) solange Texte, Bilder und Gegenstände „noch brennen“.

Frau Dr. Gunhild Müller-Zimmermann (aus der Einführungsrede am 31. August 2013)


POOL-POSITION 2012, Intervention im Hauspool, Leimbachstraße 89, Siegen


Laboratorium 2011

Video "POOL-POSITION":
http://www.youtube.com/watch?v=La0AdwsiVNU&feature=youtu.be