tutto macchia, Galerie Haus Seel Siegen, 2014


"Creme de la Creme" Live-Performance der Künstler*innen im Schaufenster

Michael Schumann, Petra Oberhäuser und Andrea Freiberg 
Arbeitsgemeinschaft Siegerländer Künstlerinnen und Künstler, ASK e.V.

Die Ausstellung ist mit der Idee verbunden alle genannten Aspekte von „macchia“ (Buschwerk, Gestrüpp, Fleck, Makel) für die Kunst fruchtbar zu machen.

„tutto macchia“

Der Titel der Ausstellung „tutto macchia“ entstand auf einer Reise nach Ligurien/Italien. Der Anblick von dicht mit Buschwerk bewachsenen Bergen gibt der Landschaft, besonders im Frühjahr zu Zeiten der Blüte, ein ganz eigenes Gepräge. Typische Macchiapflanzen (unter macchia vesteht man ein Buschwerk aus Lavendel, Ginster, Zistrose oder Steineiche) blühen dann in zarten bis kräftigen Farben auf und erfüllen die Luft mit einem köstlichen Aroma. Das ändert sich im Laufe der Jahreszeiten, vor allem wenn die sommerliche Dürre die Berge zum glühen bringt und verheerende Waldbrände entfacht. Die Berge sind dann in ein glühendes Rot getaucht, bevor sie nach Beendigung eines Brandes in einem düsteren Schwarz versinken und wie ein schwarzer Fleck (macchia heißt in der Übersetzung auch „Fleck*) in der Landschaft stehen.

Aufgrund ihrer Beschaffenheit hat die mediterrane macchia etwas außerzivilisatorisches. Sie ist ein Ort jenseits der Zivilisation der Dörfer und Städte, dem etwas Wildes anhaftet und der mit seinem Dickicht (macchia = Dickicht, Gestrüpp) oft auch als undurchdringbar und geheimnisvoll, ja als unheimlich erlebt wird. So ist es nicht verwunderlich, dass die macchia immer schon benutzt wurde als Versteck, für die italienischen Widerstandskämpfer (die partigiani) in Zeiten des Faschismus, wie für Banditen und Verbrecher seit den Zeiten des Mittelalters bis heute, für Menschen also, deren Leben mit einem gewissen Makel (macchia heißt in der Übersetzung auch „Makel“) verbunden ist. 

Die Ausstellung ist mit der Idee verbunden alle genannten Aspekte von „macchia“ (Buschwerk, Gestrüpp, Fleck, Makel) für die Kunst fruchtbar zu machen. Dieser Versuch eröffnet interessante Perspektiven, wie sie auch in der aktuellen zeitgenössischen Kunst zu finden sind, z.B. wenn es um die Interaktion von Farbe , Form und Struktur geht wie in den Arbeiten von Michael Jäger und Günther Förg oder Mark Francis (vgl. die Ausstellung Structures/Strukturen, Britische und deutsche Malerei in der Kunsthalle Wilhelmshafen).

Oder wenn es um den Umgang mit dem Phänomen „Fleck“ geht, bzw. ganz allgemein mit Fehlern in der Malerei. Flecken sind nicht nur ein (meist lästiges) Phänomen im Allltag von uns Menschen, auch in der Kunst treten Flecken zu allernächst als lästige Kunstfehler, als unvorhergesehenes Ereignis in Erscheinung. Künstler haben im Umgang mit dem Phänomen unterschiedliche Möglichkeiten. Sie können versuchen den Flecken zu beseitigen, sie können aber auch mit dem Flecken spielen, d,h ihn selbst zum Gegenstand machen oder ihn in ein Bild einbauen (wie das z. B. in den Arbeiten von David Ostrowski oder Robert Ryman geschieht)

Die Arbeiten von Petra Oberhäuser widmen sich diesem Alltagsphänomen „Fleck“. Sie sagt über ihre Arbeit: „Anregung fand ich im alltäglichen Leben. Durch Verwitterung , Oxydation oder Abnutzung entstehen Flecken, von denen ein ganz eigener Reiz ausgeht. Z.B. läßt der Schimmel nach eigenen Gesetzen farblich schillernde Landschaften entstehen, deren morbide Schönheit ich festgehalten habe.“ Ähnliches passiert bei Strassenmarkierungen, die Vorbild waren für ihre Papierarbeiten mit Grafit und Acryl. Oberhäuser: „Auch entstehen durch den urtypischen Wunsch des Menschen, sich bei Kritzeleien auf Häusern und Mauern zu verewigen oft reizvolle Motive. Die natürliche Verwitterung durch Oxydation und salzige Ausblühungen auf Blei kann Flecken zaubern, die von der Künstlerin zu 6 kleinen Kuben geformt und mit Tusche bearbeitet wurden.

Auf andere o.g. Aspekte von macchia nehmen die Drahtarbeiten Bezug, „Drahtwesen, die an Quallen, Urtiere und die filigranen Ursprünge des Lebens erinnern.“

Blessuren“ schließlich heißt eine grafitgeschwärzte Ziegenhaut, die die Verletzungen und Makel, die sich das Tier im Laufe seines Lebens zugezogen hat, deutlich werden läßt

Michael Schumann, auf den der Titel der Ausstellung zurück geht, und der sich mit seinen Arbeiten als neues Mitglied der ASK vorstellt, schafft mit seiner großformatigen Arbeit unter dem Titel „tutto macchia“ (300x420) die Imagination eines brennenden Buschwerks. Die Farben schillern zwischen Rot, Gelb, Orange und Schwarz. Die Abdrücke der Füße in erdfarbenen Tönen kann man als ein mit den Füßen gesetztes Signe verstehen, sie grenzen aber – und das ist gewollt so – an Akte der Bildzerstörung.

Eine andere Arbeit mit dem Titel „macchia“ nimmt Bezug auf strukturelle Aspekte bzw. Aspekte der Textur. Durch ein Gitterfenster fällt der Blick auf 12 kleine abstrakte Szenarien, die trotz abstrakter Arbeitsweise auch gegenständliche Lesarten zulassen

Eine weitere Arbeit ist in grafitgrauen bzw. dunkelblauen Tönen angelegt. Auch hier geht der Blick aus dem Fenster in eine Landschaft, deren Düsterheit an abgebrannte Berge erinnert. 

Mit dem Phänomen des Fleckens befasst sich eine weitere Arbeit von Michael Schumann mit dem Titel „Die hintere Seite der Leinwand“ sowie eine Arbeit mit dem Titel „beflektes Gelb“.

Mit dem Aspekt des Fleckens bzw. Makels befasst sich schließlich eine Reihe von Portraits, die sich weitgehend aus einzelnen Flecken oder Punkten zusammen setzen.

In ihren „Blitzlichtbildern“ hat Andrea Freiberg polizeiliche Beweisfotos gesammelt, die ihr seit 2003 zugestellt wurden. Diese Fotos werden von ihr mit zeitgleich dokumentierten Ereignissen im Internet konfrontiert, eine Gegenüberstellung, bei der sich Bilder und Texte gleichzeitig ergänzen und gegenseitig auslöschen können.

In ihrem 76seitigen, in Schöppingen entstandenen Fotobuch „TERRA NOVA“ dokumentiert Andrea Freiberg einen verlassenen Bauhof, bei der durch die collageartige Zerschneidung und Montage der einzelnen Bilder Fehlstellen bzw. schwarze Löcher in den Szenen entstehen, die eigene Projektionen und angedichtete Geschichten evozieren.
Zu ihrem „Schwarzen Quadrat“, in dem sie über einen längerenZeitraum die Zerstörung einer Fabrik dokumentiert, äußert sich Andrea Freiberg: „Fotografien von architektonischen Situationen, Strukturen, Personen und Handlungen im Zeitraum von 10 Jahren sind auf zeichnerische Konturen zurücktradiert, zusammengenäht und verzeitlicht. Ein alter Fleck auf der Landkarte erdichtet sich neu.“
Und zu ihrer 2005 in Gdansk entstandenen Arbeit mit dem Titel „Dluga (lange Straße“ sagt sie: „Das was bleibt, ist, dass es sich verändert. Der ziegelrote Ton, typisch für die Architekturen der polnischen Ostseestädte, erlebt in der unüblichen physischen Vergewaltigung des Materials einen ästhetischen Prozess zwischen Fehlverhalten und natürlicher Triebhaftigkeit. Mich faszinierte der Eigensinn des Materials im Dialog mit meiner Bearbeitung und Vereinnahmung. Die Polarität zwischen Leben und Tod, und das was darüber hinaus geht, wurde mir im physischen Prozess zwischen Bewegung, Veränderung und Starre erfahrbar.“


Michael Schumann, Text zur Ausstellung 






Petra Oberhäuser, Michael Schumann

Andrea Freiberg „im schwarzen Quadrat: Transformation einer Fabrik 1-14/14
„Długa“ Gdańsk 2004, Bodeninstallation 3 teilig, Tonreliefs in Sichtkästen
„25.07.2012 um 21:20 Uhr, Siegen, Eiserfelder Straße“ Fotocollage
Fotoprint auf 220g drawing paper im Rahmen 30x40 cm, 3er Aufl.