time is going on, 7. April - 23. Mai 2019


Andrea Freiberg: „time is going on“ Installation, Fotografie, Druckgrafik, Zeichnungen



vom 7. April bis 23. Mai 2019, Galerie im DreiGiebelHaus, Kapitel 18, Xanten

Eröffnung: Sonntag, den 7. April um 12 Uhr

Öffnungszeiten: Di bis Fr jeweils von 14 bis 17 Uhr, Mi und Sa jeweils von 9 bis 13 Uhr










Zeit vergeht sich an den Dingen und Orten: belebt, benutzt und verändert. Nichts bleibt, wie es war. Erinnerungen sind wie Schmetterlinge oder Gespenster. Was zurück bleibt, ist Geschichte. Zitat: Andrea Freiberg







Mitternacht ist es und nicht der frühe Morgen
erzähl mir nicht, du müsstest nach dem Luftschiff sehn.
aus: Das Meer an sich ist weniger



Jedes Kind, und rutscht es auch noch auf seinen Knien, lallt den Namen Zeppelin.
Gassenhauer

Text für Andrea Freiberg als Glückwunsch zu ihrem Geburtstag

Zitat des Tages: Allein die Luftschifffahrt wirft alle unseren Kulturbegriffe über den Haufen - Wir Luftschiffer des Geistes. Nitzsche

Einmal in Tunesien hing ich an einem Fallschirm, ein Boot fuhr aufs offene Meer, zog mich im Schlepp, ich war da fast vierzig Jahre alt - und ich wunderte mich nur, was denn da bloß und wo meine angeborene Höhenangst hin war?

Auf Rügen musste ich im Jagdschloss Granitz, einem Rundgebäude (drinnen wie das Innere eines Luftschiffes oder Gasometers) die schmale Treppe an der Wand entlang über viele Stufen tapsen, um ganz oben anzukommen, dort dann Aussicht zu halten. Die Stufen waren aus Eisen und löchrig waren sie zudem. Ich lernte dort vorwärts zu sehen beim Treppegehen, niemals hinunter zu blicken, willst du hoch hinaus bis aufs obere, das Dach steigen. Diese käselöchrigen Stufen wurden für mich zu einem langen stolzen Siegertreppchen.

Und immer wieder kommt mir zur Nacht der Traum vom Fliegen, ganz wie er mir als pubertierender Bursche oft gekommen ist. Und mir ist heute immer noch im Schlaf sehr bange vor der Bruchlandung. Ich fürchte mich davor, dass es übers Meer geht und zu neuen Ufern, dass ich sie nicht mehr erreichen werde. Und ich denke: Jetzt, wo ich fliegen kann, jetzt wo ich liebe, jetzt wo das Buch geschrieben ist und es losgehen kann mit Reisen und Huldigungen, Glück und den Lesetouren, darf ich nicht abstürzen.

Die Dichter und Lyriker huldigen hymnisch dem Luftschiff. Der Flieger grüsst die Sonnen mit den drei Flecken im Gesicht (Hans Albers). Der Flieger beherrscht die Luft und also die Natur und Technik. Hermann Hesse ließ es sich nehmen einer der ersten Zeppelin-Fluggäste zu sein. Mit 34 Jahren (1911 - für alle Hesse-Fans). Das Schiff trug den Namen Schwaben, ähnlich dem Wort schweben. Er huldigte danach jubelnd der Vogelperspektive.

Zur Geschichte: Das erste Luftschiff war 128 meterlang und mit elftausend Kubikmeter hochexplosivem Wasserstoff, also 13 Tonnen schwer, die Technik reichte nicht aus, es vernünftig zu lenken. Am 5. August 1908 war ein Schiff mit Bezeichnung LZ 4 von Friedrichshafen aus zur Testfahrt aufgebrochen, einen Tag später bei einer Sturmböe in Flammen aufgegangen. Zurück blieb ein abgebranntes Skelett, sein Erfinder, Graf Zeppelin, war ebenso am Boden zerstört, und musste sich vom Kaiser Wilhelm höchstselbst als den Dümmsten aller Süddeutschen verspotten lassen. Aber ein Gutes hatte dieser schreckliche Unfall, er löste eine Zeppelin-Euphorie sondergleichen in nie gekannter Wucht aus. Man träumte plötzlich zusammen und in Gruppe das Meer zu überwinden, nach Amerika aufzubrechen, wie heute die feine Reisegruppe aus Duisburg Walsum eigens zur Ausstellungseröffnung andüste, um dabei zu sein. Überall hieß es nur noch: Wir fliegen bald über den großen Teich, um in New York Kaffee zu trinken, über den Wolken werden wir zu Orchestermusik tanzen. Im Herbst 1924 gelang es dann erstmalig, der Atlantik war bezwungen, überwunden, überflogen oder das Meer beschwebt worden. Nazigröße Göring nannte Luftschiffe Gassäcke und hatte kein sonderliches Interesse sie militärisch weiterzuentwickeln. Marlene Dietrich trauerte um ihren Onkel Max, dem Luftschiffskapitän, der einen Kriegszeppelin steuerte. Zum Menschheitstraum gehören Himmelsgefährte, Sonnenfahrzeuge, Dädalus und Ikarus sind uns bekannt. Ihr Flug mit Vogelfedern und Wachs, der schmolz. Und der Schneider von Ulm wollte seine Flugkunstvorstellen. Er versank in der Donau. Der Zeppelin erzielte in seinen großen, auch tragischen Zeiten, viel Spott, Mitleid, Bedauern, weil die Dinger rochen nach Benzin oder zumindest gefährlich bitteren Mandelstoff. Es gab um ihn viel Aufregung und Stille nach dem Jubel und Getön. Wahre Dramen spielen sich ab. Die Fliegerei erlebt ihre große Zeit durch ihn. Die Träume blieben. Und manchmal wird so ein Ding zum Objekten in der Kunst. Der nächste Traum hieß dann einmal um die ganze Welt, möglichst Non-Stop. Dann jedoch passierte das Hindenburg-Unglück im Mai 1937 in Lakehurst, fast hundert Menschen an Bord, 35 von ihnen fanden den Tod. Leadbelly heißt der Blueser, der dem Unglück seinen Gitarrensound und die Stimme schenkte. Es gibt von seinem Song nur leider keine Übersetzung im Netz. Wie es keine Übersetzung zu den Kunstwerken von Andrea Freiberg gibt, nur Ansätze, Versuche, seine Gedanken fliegen zu lassen, die sich setzen sollen wie Federvögelchen zu jedem einzelnen Objekt, Bild oder Gebilde. Apropos das Internet, die Netzwerke, auch daran denkt man, die rasend schnell heutzutage die Zeppeline der Kommunikation sind, das Ganze Dimension und Ausmaß erreicht.

Horvath schrieb: Ein Traum vom Fliegen, gibt den Menschen, die klein sich fühlen und gedrückt, geduckt umhergehen, das Gefühl, Liliputaner zu sein, und, dass Größe eine Illusion ist und Unabhängigkeit nicht zu erreichen.
Lion Feuchtwanger: Nobile und Amundsen konkurrieren und lösen Luftschiffskampf über Polareis aus. Irgendwie können sie nicht landen zerschellen im Packeis.

Lichtenberg schrieb im 18 Jahrhundert:
Ich habe die Gestalt der Erde bestimmt, und hier seht nur her, ist endlich in meinem 83ten Jahr ein Luftschilf gemacht.

Goethe schrieb: Ergötzen dich nicht aus die Luftfahrer? Man spricht von Freiheitsluft. Weg nur weg vom Kerker, dem kleben am Boden.

Peter Wawerzinek schrieb: Phantasie heisst abheben, sich luftige Bereiche der Gedankenwelt erobern. Ballon, Fallschirme. Höhenangst, Luftverknappung stehen dem Traum im Wege. Aber schön dran denken und nichts übertreiben, den vor Honolulu wurde einer der Tollkühnen, vor den Augen des Königs, von den Haifischen aufgefressen. Lust und Sehnsucht bleiben Antrieb für alle Kunst. O Zeppelin, oh Zeppelin du großer Wundermann nach Gott und Heiland bete ich dich zuerst an.

Ein letzter Gedanke: Die Schönheitsdoktoren malen mit blau-violetter Farbe auch solche Gebilde den Frauen, die um Veränderung ringen, Fülle verlieren wollen oder Erweiterungen anstreben, Zeppelin sehr ähnliche Skizzen aufs Fleisch. Oder die Implatate für die Brust, ihrer Konsistenz nach erinnern sie an schlaffe Luftschiffe, zumindest mit Wasser gefüllte Luftballons, die wir den Leuten aus dem Fenster heraus vor die Füsse warfen. Ein zweiter letzter Gedanke: Sie sagten: Leg dich in die Badewanne und du hörst, was die Leute in der Wohnung über dich denken. Die Wanne war das halbierte Luftschiff aus Eisen, viel zu schwer um abzuheben. Badewanne fand ich nicht so aufregend wie ich sie mir damals vorgestellt habe.

Ein bemerkenswerter Schlussgedanke: Jede Stadt ist voller Konstellationen. Jede Straßenkreuzung ist voller spröder Wunder. Eine Passantin weiß nichts von der Schönheit ihrer Stirnfalte, wenn sie auf den Verkehr achtet und über die Straße huscht. Ausstellung ist Einstellung, Fantasie heisst immer auch Um-Wege gehen, um Ausblick zu haben, wie man den Turm besteigt, um Anhöhen zu erobern. Man ist dann stehend = sehend auf der höchsten Ebene fast schon so etwas wie ein Zeppelin-Flieger.

Zusammenfassung: Kindskopf Andrea sucht dem menschlichen Irrsinn mit zerbrechlichen Müll entgegen zu wirken und schenkt uns Werke, „die nicht aus intellektueller Erkenntnis, sondern im Selbstlauf entstehen“. Sie verwendet Bruch und Wegwerfprodukte, bewahrt sie vor der letztendlichen Vernichtung. Nach der Ausstellung haben die Einzelteile als Installationszubehör ihre Zeit gehabt, ihr Leben verlängert, ihre Pflicht erfüllt. Sie wurden benutzt und gewandelt. Sie haben den Kunstbetrieb einmal durchlaufen und enden nun. Ich sitze mit Andrea am Tisch. Und denke plötzlich ehrfurchtsvoll: „Da gibt es eine Materie, die heißt Wasser, da kann man drin schwimmen. Das ist doch einfach unbegreiflich.“ Und ich sage: Da gibt es einen Kopf mit dem kann man fliegen, das ist doch noch viel mehr als einfach unglaublich oder? Denn die Ideen sollen Zeppeline sein und zwitschern, toben wie Kinder es dürfen und tun, wenn sie nur genügend gesund sind. Kunstkindskopf Andrea Freiberg verschafft sich inmitten von Hektik die nötige Ruhe im Leben, das Unwichtige zu registrieren. Die flüchtigen Erlebnisse sind so voller gestreifter Rätsel. Frischlinge sind sie. Mit allen Sinnen unterwegs sein, heißt vor allem dafür Sorge zu tragen, daß alles was man sieht, verwertbar wird. Das Triviale unbedingt an sich heran lassen! Sich vom Banalen in ehrfürchtiges Erstaunen versetzen lassen können! Das sind in unserer Zeit ganz stabile Beweggründe Kunst zu produzieren. Jede Kunst hat mit menschlichem Kontakt, nicht mit galeristischem Kalkül zu tun. In Gedanken bleiben, aus den Gedanken aussteigen, den Kopf verlassen, frei und außerhalb von sich sein, sich unter Umständen beim Erleben von außerhalb dabei zusehen. Und - der Künstler muß nur selbst zu seinem Vertriebssystem werden.

Man kann alles zusammenbringen. Man muß es nur tun. Die Frage ist:
Habe ich die Identität zum Material oder benutze ich es nur?


Peter Wawerzinek am 7. April 2019 in Walsum geschrieben






















Freiberg-Wawerzinek neu, Atelier Hoch², Fröbelstraße 10, Siegen

WP, 19.2.2019, Viktor Dobek
SZ, 22.2.2019, Dr. Gunhild Müller-Zimmermann