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Who is sitting in the glass house?

Im Glashaus, in diesem Fall einer Vitrine - dem gläsernen letzten Heim vieler kulturhistorischer Relikte - stehen 59 befremdliche Gegenstände. Gleichartige Objekte, aufgereiht wie im Museum, stoisch und still. Sie bilden eine Ensemble aus kultisch anmutenden Gegenständen. Sie erinnern fern an Pokale, Totempfähle, Reliquiare aber auch an Banales wie Wasserpfeifen und Tischlampen. Rätselhaft, als ob man sie ihrer ursprünglichen Umgebung beraubt hätte, scheinen sie in ihrer formalen Kontinuität auf den Beginn einer Zeremonie zu warten.
Tritt man näher, um ihrem Geheimnis auf die Spur zu kommen, entfaltet sich die glatte Oberfläche zu einem Konglomerat von Abbildungen aller Art. Aus den Fugen geraten Collagen konfrontieren uns mit Altem, Neuem, Weltbewegendem und Vergessenem, kurz mit allem was das Bildmaterial einer Zeitung ausmacht, nämlich Informationen mit Eyecatchern zu versehen. Als Eyecatcher funktionieren die Bilder auch hier. Sie bringen uns der Bedeutung der Gegenstände nicht näher, aber sie drängen die Frage vorerst in den Hintergrund. Fasziniert betrachten wir bekannte und unbekannte Menschen, deren Gesichter zurück schauen. Personen, Gesten, Geschehnisse werden verknüpft und zu neuen Bildern und Geschichten zusammengefügt. Man muss lachen, man erschaudert, ist erstaunt und irritiert.

Treten wir wieder zurück, fällt ein weiterer Aspekt der Ansammlung ins Auge, denn diese sind nur nur formal zusammenhängend, sondern weisen auch farbliche Konvergenzen auf. Die Farbschattierungen eines jeden Gegenstandes unterliegen einer Farbe, es gibt rötliche, bläuliche, grünliche, gelbliche und zum Weiss neigende Färbungen. So wird das kultische, an ferne Hochkulturen erinnernde majestätische und erhabene Gesamtbild der Gegenstande gewahrt, welches nur durch die gelegentlich ins Auge springenden Plastikschläuche und Glühlampen etwas ins Wanken gerät.

Auch in dieser Installation Andrea Freibergs wird eine Vielzahl künstlerischer Techniken und Fragestellungen bearbeitet. Es geht nicht um die Schaffung eines Werkes, eines Bildes oder einer Plastik, immer ist der Raum mit einbezogen, den sie bespielt, immer ist es ein im Prozess entstandener Zusammenschluss transformierter Objekte. Sie fotografiert, malt, zeichnet, collagiert, baut auf, druckt und stellt am Schluss des Prozesses alles in einen neuen Kontext. Nichts bleibt wie es ist im Werk von Andrea Freiberg, alles ist Veränderungen unterworfen, das macht sie sichtbar.

Dabei spielt der Ort immer eine grosse Rolle. Ihre in-situ-Arbeiten, also ortsbezogen und die Umgebung mit einbeziehend, führen zu einer individuellen Auseinandersetzung mit der Umgebung, die durch die Exponate anders wahrgenommen werden. So sind die hier ausgestellten Objekte nach und nach entstanden und wurden erstmals in der Sauna des Löhrtorbades gezeigt, als diese bereits dem Verfall preisgegeben war. Die würdevolle Anmutung stand dort im Gegensatz zu abblätternder Farbe und einem leeren Schwimmbecken.
Hier hingegen, in einer polierten lang gestreckten Glasvitrine, gewichtig in einem nachvollziehbaren Ordnungssystem aufgestellt, wirken sie hoheitsvoll, emporstrebend und originär. Kunst in Vitrinen ist immer wertvoll, Vitrinen bieten Schutz vor Zugriff und Staub. Sie schaffen Distanz zum Besucher, der darin Dinge bestaunt, die meist sehr alt sind und uns ferne und vor allem fremde Zeiten näher bringen sollen. In Vitrinen dieser Art werden meist Entwicklungen gezeigt, ein Abschreiten ist nötig, um, wie in an einem Zeitstrahl, Dinge und Ereignisse in einen Zusammenhang zu bringen. Hier wird uns keine Entwicklung vorgeführt, alle Objekte sind gleichartig, kein Hinweisschild klärt auf über Zeit, Ort, Bedeutung.

Die Vitrine entpuppt sich als ironisches Zitat. Die Dingbedeutsamkeit und Einzigartigkeit der Exponate wird allein durch die K
ünstlerin bestimmt. Ihr Geheimnis wird gelüftet, wenn man die wenigen nicht beklebten Objekte betrachtet. Es handelt sich um banale, auf einander gestapelte Haushaltsgegenstände, deren ursprüngliche Bedeutung in der Komposition eine Umnutzung erfährt. Die Umnutzung der Alltagsdinge unterläuft die eigentliche Bestimmung der Museumsvitrine, die ja gerade Ausseralltägliches‘ zeigt.

Die Anordnung erfolgt auf einem Baugerüst, ein Gegenstand des Draussen, nach Innen importiert, um die zu erwartenden fragilen, transparenten Glasplatten zu ersetzen, die ansonsten die Stellflächen der Museumsvitrine bilden. Wieder wird die Museumsvitrine in ihrer feierlichen Erscheinung hinterfragt.

Ein subtiles Spiel mit Erwartungen bietet uns Andrea Freiberg hier. Sie stapelt hoch, im wahrsten Sinne des Wortes. Vasen, Teller, Töpfe und Krüge bekommen eine einheitliche Oberfläche und mutieren zu Schachfiguren, Türmen, Figurinen und Kultgefäßen. Ihre starke Präsenz verdanken sie der Umdeutung, deren Sinn wir zu ergründen suchen. In der rhythmischen Reihung, der Mischung aus unbekannten und bekannten Formen und Elementen verstärkt sich die distanzierte Mystik ihrer Ausstrahlung. Jedes Einzelstück entspricht in der schlanken, aufgerichteten Form dem Streben nach Höherem, die Blickrichtung von unten nach oben symbolisiert Himmel, Höhe, Luft, Stärke und Kraft.
Raumbilder‘ nennt Andrea Freiberg diese Werke, die immer wieder anders zusammengestellt und präsentiert werden. So ergeben sich immer neue Ansichten der Räume, die sie bevölkern. Eine Schar von Objekten, die je nach Anordnung und Ort neue Perspektiven eröffnen, auch durch ihre zurückgenommene und würdige Erscheinung.

Raumbilder‘ nennt interessanterweise auch der Kurator Eckhard Siepmann von ihm gestaltete Museumsräume zur Präsentation von Objekten: Es sind Raumgefüge auf der Basis Objekt-bezogener Assoziationsfelder, Montagen und Verfremdungen.“ Dieser Satz trifft auch auf die Vitrinen-Installation Andrea Freibergs zu.

Die Technik der Decoupage, der Aufwertung von Gegenständen durch das Bekleben mit Bildern, wurde hier angewandt, um die entstandene Distanz durch die aufstrebende, erhabenen Formen aufzuheben. Schnell wird uns der Gegenstand durch die Konzentration auf die Bilder wieder vertraut. Nähe entsteht durch Bekanntes, Distanz durch Unbekanntes. Dies führt Andrea Freiberg hier in humorvoller wie ästhetischer Umnutzung banaler Dinge und Bilder vor.
Lassen sie also das Gesamtbild wie die einzelnen Objekte des Vitrinenzaubers‘ auf sich wirken. Ich schliesse mit den Worten einer fiktive Besucherin der Weltausstellung 1851, die ihre Eindrücke mit den Worten zusammenfasste: Voller Staunen gehe ich von Glas zu Glas, entzückt betracht' ich sie. Neue Wunder wachsen vor meiner Nase in diesem sublimen Museum!“ (William Thakarey)

Kirsten Schwarz, Kunsthistorikerin

Einführung: Who is sitting in the glass house? 2017


Aus der Ferne so nah …

Wir befinden uns in einer Höhle. Es riecht nach Heu. Es ist etwas kühl und dunkel. Overheadprojektoren stehen im Raum. Licht wird durch die an den Wänden projizierten Zeichnungen erzeugt. Landschaften sind erkennbar, Detailaufnahmen aus der Natur, einzelne Linien, die sich mit den Texturen der Steinwände verbinden. Pflanzenteile in Diarahmen werfen große Schattenbilder im Baukastensystem. Verschiedene Perspektiven werden ausgeleuchtet. Auf einer Holzplatte, in einer Ecke der Höhle, liegt eine in ein weisses Tuch gehüllte Person. Ein Lichtstrahl, ausgehend von der Stirnlampe, bewegt sich im Raum. Nur kleine Bewegungen und Windungen, bis sie sich erhebt, den Ort verläßt und in die Mitte der Höhle geht, in der nun eine mit Heu ausgelegte nestartige Vertiefung sichtbar wird. Hier legt sie sich erneut nieder. Diese Situation erlebt der Besucher zur Ausstellungseröffnung des Kunstsymposiums "having Heimat" auf der Jenaer Binderburg.

Die Arbeit an der Installation "Aus der Ferne so nah" führt Andrea Freiberg auf die Wege ihres Vaters. In der Region Niederroßla hat er neun selbstgebaute Holzbänke aufgestellt und eine im Garten der Künstlerin. Er wählte die Orte aus, stellt sie den Anwohnern und Wanderern zur Verfügung. Er entschied sich für ganz bestimmte Perspektiven und Aussichten, die im Verweilen wahrgenommen werden. 

Die Bank sehen wir als Symbol des Ausruhens, Nachdenkens, Verweilens, um den Augenblick zu genießen. Von ihr aus schauen wir in die Ferne und können uns selbst dabei so nah sein. Gedanken schweifen. Jede einzelne Bank ist die Künstlerin abgelaufen, ist verweilt, hat den Blick in die Ferne gerichtet und hat die Strukturen der Landschaft auf transparenten Folien nachgezeichnet. Zeichnen ist ein einsamer – forschender und individueller Prozess. Direkt vom wahrnehmenden Auge wird über die Hand wiedergegeben, was sekundenschnell abläuft. Doch es ist keine bloße Wiedergabe des Gesehenen. Der Kopf nimmt wahr, die Hand führt aus und nimmt alle Eindrücke in diesem Moment mit auf. Alte Bilder, die blitzartig und fragmenthaft auftauchen. Neue Bilder, die in Echtzeit ablaufen. Zusammengeführt geben sie unmessbare Eindrücke von Zeit wieder.

Beim Laufen zu den jeweiligen Standorten begegnet die Künstlerin alten Bekannten, Erinnerungen an die Kindheit erscheinen vor ihren Augen, längst vergessene Blicke werden lebendig und neu erlebt. Die gedruckten Zeichnungen gehen dagegen physisch in die Tiefe. Wie die Texturen der über Jahrhunderte entstandenen Gesteinsschichten, nehmen sie Spuren auf, erfinden Geschichte neu und hinterlassen einen poetischen Bildeindruck. 

"Heimat beginnt in der Kindheit und wird wieder real im Ankommen, ... dort, wo ich mich einbringen kann und wo ich mich niederlasse, um auszuruhen." sagt Andrea Freiberg nach einer Woche intensiven Nacherlebens und Neuentdeckens des Themas Heimat.

Der Begriff Heimat kann hier als Spannungsfeld von Unterwegssein und Ankommen wahrgenommen werden. Orte, die uns zur Ruhe bringen, zum Anhalten und Verweilen, führen uns Erinnerungsbilder vor Augen, lassen uns unsere Aktivitäten reflektieren und geben uns die Sicherheit, diese Orte zu haben.

Nadine Jacobi, Künstlerin, Jena

Katalog: Aus der Ferne so nah..., 2017 / having HEIMAT, Binderburg Jena, 2017


trial and error

Wir sehen übers Papier wandernde Linien, schwarz oder bunt, deutlich gezogen oder bereits verwaschen. Oben, unten, links oder rechts, sogar vorne oder hinten verlieren in diesen Zeichnungen ihre Bedeutung.

Andrea Freiberg hat während verschiedener Autoreisen ihre Eindrücke zeichnerisch festgehalten. Sie hat dabei auf gefalteten Papierbögen gezeichnet, und so nach und nach jede Seite und jeden Quadranten bearbeiten. Aufgefaltet erblühen die Papiere zu fantastischen Landschaften. Die Künstlerin erlaubt uns mit ihren „Zeichnungen von unterwegs“ einen Einblick in ihre Erlebnisse während der Autofahrt und somit auch Einblicke in ihre Seherfahrungen während der Bewegung.

Wie Momentaufnahmen blitzen einzelne Landschaftsaufnahmen aus dem Dschungel der Linien auf, wie z.B. Bergketten, Tunnelröhren, Brücken oder Autokolonnen. Sie teilen sich das Papier mit „Nahaufnahmen“ von Vögeln, Schildern, Flaggen, Blüten, Autokennzeichen und mehr. Das Durcheinander von oben, unten, rechts und links spiegelt unser eigenes Erinnerungsvermögen wieder. Wir vermischen Dinge in unserer Erinnerung und können oft nicht mehr genau zuordnen, was wann wo stattgefunden hat. Einiges scheint nur noch latent „gespeichert“ zu sein – so wie auch bei diesen Zeichnungen die andere Seite durchscheint und nur noch zu erahnen ist.

In unserer Erinnerung wird ein Urlaub oder eine Reise zu einer ebensolchen Collage von Eindrücken; einer Karte in unserem Kopf, oft ungenau und verworren, dafür angefüllt mit persönlichen Bezügen und Gefühlen. In den Zeichnungen von Andrea findet das Sammelsurium an Eindrücken und Erinnerungen durch den spontanen Entstehungsprozess auf dem Papier eine wunderbare ästhetische Präsenz. Fotografien hätten die Reiseeindrücke vielleicht ebenso detailliert, vielleicht sogar genauer festgehalten. Dann aber würden uns nur die Motive präsentiert. Die Lust am „Nachreisen“ mit dem Auge auf dem Papier wäre verloren. Und auch das Festhalten anderer Spuren wäre nicht möglich. Erzählen uns doch Rotweinflecke oder Wasserspuren aus dem Gardasee ganz eigene Geschichten. 

Andrea Freiberg ist viel unterwegs. Neben den Reisezeichnungen gibt es noch andere Hinweise in dieser Ausstellung, oder genauer gesagt: Beweise. Für die zweite Serie, die Sie hier sehen, hat die Künstlerin Fotos von Bußgeldverfahren aus den Jahren von 2003 bis 2014 verwendet, die sie wegen Geschwindigkeitsübertretungen erhalten hat.

Indem sie die Fotos vergrößert und verfremdet werden sie als Beweismittel nutzlos. 

Ein Foto, vor allem mit Datums- und Zeitstempel, gilt als oft Beweis, dass eine bestimmte Person  zu einer bestimmten Zeit an einem bestimmten Ort war und bilden so eine ganz bestimmte Realität ab. Auch mit diesem Fakt spielt die Künstlerin:  im Internet gefundene Blogeinträge, Forumsdiskussionen oder Internetartikel mit genau demselben Datums- oder sogar Zeitstempel heben diesen Absolutismus auf und machen uns bewusst, dass es neben dem eigenen Hier und Jetzt noch unzählige andere gibt.
Die Unterschiedlichkeit der Texte unterstreicht das zusätzlich: Fragen zu Fruchtbarkeitshormonen, eine Geburtsanzeige, Urlaubseindrücke, ein Eintrag zum Lahmlegen von Facebook.....
Die verschiedenen Realitäten, die das Internet eröffnet, sind unendlich und stehen im Gegensatz zu dem statischen Beweisfoto, das nur eine Wirklichkeit kennt.
Unterwegssein, Erinnerungen sammeln, Spuren hinterlassen; dies sind sehr persönliche Prozesse, die zunächst immateriell sind. Andrea Freiberg transformiert diese Vorgänge durch verschiedene Bildentstehungsprozesse, von denen wir zwei hier sehen. So nimmt sie uns mit auf ihre Reisen, und lässt uns an ihren Spuren und ihren Seherfahrungen teilhaben.

Ines Rüttinger, Kunsthistorikerin im Museum für Gegenwartskunst Siegen

Einführung: trial and error, 2014